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13.12.2012

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Professor Dr. Grifka: Viele Wirbelsäulen-Operationen werden vorschnell durchgeführt

Die Praxis zeigt: Konservative Therapien helfen selbst bei massiven Rückenschmerzen oft besser als ein chirurgischer Eingriff - Die Zahl der Operationen hat sich laut Krankenkassen-Studien trotzdem verdoppelt.

Bad Abbach - Die Krankenkassen schlagen Alarm: Die AOK kritisiert die Verdoppelung der Zahl der Wirbelsäulenoperationen in den letzten Jahren. "Aus medizinischer Sicht ist die Zunahme der Rückenoperationen in diesem Umfang auf über 280.000 Operationen im vergangenen Jahr nicht nachvollziehbar", sagt Professor Dr. Joachim Grifka, Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und Direktor der Orthopädischen Klinik für die Universität Regensburg in Bad Abbach. Seit Jahren plädiert Grifka, deshalb oft attackiert von Standeskollegen, auf Patienten schonendere und auch kostengünstigere Behandlungsmöglichkeiten für Rückenschmerzen.

Professor Dr. Joachim Grifka, Wirbelsäulen-Spezialist und Direktor der Orthopädischen Klinik für die Universität Regensburg, kritisiert den Trend zu vorschnellen und oft überflüssigen Operationen an der Wirbelsäule. Foto: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Joachim Grifka

80 Prozent Therapieerfolg - auch ohne Operation

"Außer bei einer akuten Lähmung oder einer Querschnittssymptomatik kann bei Rückenproblemen - selbst bei massiven Schmerzen - durch fortschrittliche orthopädische Schmerztherapien ohne Operation geholfen werden", sagt Professor Grifka. Die spezielle orthopädische Schmerztherapie erlaube es, durch gezielte Injektionen an den austretenden Nerven oder in den Wirbelkanal an der betroffenen Nervenwurzel anzugreifen. "Die Erfolgsrate dieser minimalinvasiven Behandlungsmethode liegt - selbst bei sonst operationsbedürftigen Veränderungen - bei mehr als 80 Prozent", schätzt der Mediziner. Falls unter bestimmten Umständen doch eine Bandscheibenoperation erforderlich ist, solle diese unter Einsatz eines Mikroskops durchgeführt werden. Damit könnten Vernarbungen oder andere Folgeprobleme von Operation vermieden werden.

Viele Befunde ohne medizinische Relevanz

Eine der Ursache für die ausufernde Zahl der Operationen sieht der Inhaber des Lehrstuhls für Orthopädie an der Universität Regensburg in der immer weiteren Verbesserung der Diagnostik. Professor Grifka: "Sie ermöglicht uns heute bei Rückenerkrankungen, beginnende Veränderungen frühzeitig genau zu erkennen. Doch das ist Segen und Fluch zugleich. Oft zeigen sich bei einer Untersuchung mit einem Kernspintomografen zum Beispiel Veränderungen am Rücken, die gar nicht Ursache vorhandener Rückenschmerzen sind und deshalb auch nicht operiert werden müssten". Nur etwa ein Drittel der per Kernspintomografie erkennbaren Befunde seien medizinisch tatsächlich von Bedeutung und damit behandlungsbedürftig.  "Gleichwohl", so Grifka, "ist die Kernspintomografie ein wichtiges Diagnosemittel."
 
Rückenschmerzen: eine Volkskrankheit

In Deutschland leiden heute acht von zehn Menschen im Laufe des Lebens unter behandlungsbedürftigen Rückenschmerzen. Bandscheibenschäden gehören zu den 20 häufigsten Diagnosen in den Arztpraxen. Mit 25,8 Prozent führen Rückenschmerzen heute die Statistik der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit an. Rückenprobleme sind auch für insgesamt 18 Prozent aller Frühverrentungen in Deutschland verantwortlich und auch 50 Millionen Tage Arbeitsunfähigkeit in Deutschlands Betrieben sind Folge von Rückenbeschwerden.

Wesentliche Ursachen für Rückenschmerzen sind nach Meinung der Experten vor allem die geänderten Lebensumstände: einseitige Belastungen, langes Sitzen, insgesamt geringe Aktivität der Rücken- und Bauchmuskulatur. Das führt zu Überlastung und vermehrten Verschleißveränderungen. Dabei hat die Schwäche der Rückenmuskulatur ihren Ursprung oft schon im Kindesalter.

Tipp an Patienten: Nicht den Operateur entscheiden lassen

Tatsächlich werde in der Praxis aber heute zu viel und zu schnell operiert. Statt zunächst auf bewährte konservative Behandlung ohne Einsatz des Skalpells zurückzugreifen, kritisiert Professor Grifka. "In manchen Fachdisziplinen, etwa in der Neurochirurgie, wird die Option einer Behandlung ohne Operation heute oft überhaupt nicht mehr in Erwägung gezogen". Sein Rat an Patienten: "Die Entscheidung über die Therapie sollte ein Orthopäde treffen, der operative und konservative Behandlungsmethoden auch selber beherrscht, nicht derjenige, der seinen Behandlungsschwerpunkt im Operieren sieht".
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Für weitere Informationen bzw. Rückfragen wenden Sie sich bitte an joachim.grifka@klinik.uni-regensburg.de
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